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Warum barrierefreies Internet?

Bereits 1995 schätzte der Deutsche Blindenverband, daß in Deutschland mindestens 155 000 blinde sowie annähernd 500 000 schwer oder schwerst sehbehinderte Menschen leben. Da seitdem die durchschnittliche Lebenserwartung und damit auch das Erblindungsrisiko weiter gestiegen sind, dürfte die Zahl der Betroffenen inzwischen weiter zugenommen haben.

Trotzdem wird auf ihre Bedürfnisse (nicht nur) im Internet wenig Rücksicht genommen. Ursache ist meist nicht böser Wille, sondern Unkenntnis. Immer wieder kann man hören, daß Computer und Internet nichts für Blinde oder schwer Sehbehinderte seien. Doch das stimmt nicht. Mit Screenreadern, die Text als Sprache oder über eine Braillezeile ausgeben, mit Spracheingaben, Großbildschirmen und Lupen können auch sie Computer bedienen und im Internet surfen.

Und sie tun es auch.

Behinderte Menschen nutzen das Internet sogar überdurchschnittlich viel.

Eine im Herbst 2001 durchgeführte Umfrage des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie hat das eindrücklich bestätigt.

Jeder zweite Behinderte beklagte allerdings zahlreiche Barrieren, vor denen sich behinderte Internet-Benutzer gestellt sehen. Kritisiert wurde vor allem,

Doch diese Probleme müssen nicht sein. Häufig sind es nur Kleinigkeiten, an denen der ungehinderte Zugang scheitert.

Zehn hilfreiche Tips.

  1. Die Schriftgröße wird in „pt“ (Punkt) oder „px“ (Pixel) ausgezeichnet, so daß sie im Internet Explorer nicht mehr problemlos skaliert (in der Größe verändert) werden kann. Für Sehbehinderte sind deshalb Schriftauszeichnungen in „Prozent“ oder „em“ besser, die auch im Internet Explorer den individuellen Bedürfnissen angepasst werden können.
  2. Die eigentlich für Überschriften gedachten Tags <h1>, <h2>, <h3>, usw. werden für andere Textauszeichnungen mißbraucht. Dadurch werden aber Blinde in die Irre geführt, weil Screenreader derartige Textstellen fälschlicherweise als Überschriften wiedergeben. Stattdessen sollten Texthervorhebungen zum Beispiel mit <em> oder <strong> vorgenommen werden.
  3. Für das Layout werden Tabellen verwendet. Screenreader lesen die Tabellenzellen jedoch Zeile für Zeile von links nach rechts. Bei zu Layoutzwecken verwendeten Tabellen ergibt sich dann oft kein Sinn mehr. Mit Cascading Style Sheets (CSS), die alle modernen Browser verstehen, sind Layouttabellen jedoch inzwischen überflüssig geworden.
    Wo Tabellen wirklich unumgänglich sind, sollte eine maximale Breite von 80 Zeichen angestrebt werden. Da Braillezeilen maximal 80 Zeichen ausgeben können, ergeben sich für deren Benutzer sonst Zeilenumbrüche, die die Verständlichkeit erschweren oder sogar verhindern können.
  4. Die Seiten basieren auf Frames. Screenreader können jedoch immer nur einen Frame vorlesen. Blinde sind damit gezwungen, ständig zwischen den Frames hin und her zu springen.
  5. Für Bilder fehlen die erklärenden „alt“-Texte. Screenreader können ihnen dann nur verraten, daß es Bilder gibt, aber deren Inhalt bleibt ihnen verborgen. Oft wird sogar die Verständlichkeit der Seite dadurch eingeschränkt. Sind die Bilder für das Verständnis nicht notwendig, sollte ein leerer alt-Tag angegeben werden, damit Screenreader das Bild gar nicht erst erwähnen.
  6. Buttons sind sehr klein gehalten. Schwer Sehbehinderte können sie dadurch nur mit Mühen erkennen und motorisch behinderte Besucher haben Schwierigkeiten, sie mit der Maus zu treffen. Im Extremfall wird für die Betroffenen damit jegliche Navigation unmöglich.
  7. Der Kontrast zwischen Hintergrund- und Schriftfarbe ist zu gering oder eine unglückliche Farbkombination führt zum Überstrahlen der Schrift durch den Hintergrund. Viele Sehbehinderte invertieren die Farben auch, d.h. vertauschen hell und dunkel.
  8. Die Navigation ist nur über Imagemaps möglich, das heißt über Bilder, deren einzelnen Bereiche mit unterschiedlichen Links hinterlegt sind. Für Screenreader sind diese Links nicht darstellbar. Ohne alternative Navigationsmöglichkeit bleiben Blinde von diesen Seiten ausgeschlossen.
  9. Animationen lassen sich von den Besuchern einer Seite nicht anhalten, obwohl flackernde Elemente bei Epileptikern Anfälle auslösen können. Gefährlich sind für sie besonders Bildfrequenzen zwischen 4 und 59 Hertz sowie schnelle Wechsel zwischen Hell und Dunkel. Betroffen sind von Epilepsie mehr Menschen als oft angenommen wird: Mindestens eine halbe Million Menschen leiden nach Schätzungen von Ärzten allein in Deutschland unter dieser Krankheit.
  10. Die Navigation ist nur über Javascript oder Flash möglich und damit für Screenreader nur eingeschränkt zugänglich. Eine alternative Navigation ist aber nicht nur für Blinde nötig, sondern genauso für alle jene Internet-Benutzer, die Javascript aus Sicherheitsgründen abgeschaltet haben oder deren Browser Javascript oder Flash nicht unterstützt.

Kosten sparen durch vorausschauendes Planen.

Manche Empfehlungen kosten nur ein wenig Überlegen (zusätzliche Navigationsmöglichkeiten bei der Verwendung von Sitemaps, Javascript oder Flash), andere ein paar zusätzliche Tastenklicks (für die „alt“-Attribute bei Bildern). Aufwendiger wird der Verzicht auf Layout-Tabellen und Frames.

Doch insgesamt hält sich der zusätzliche Aufwand für barrierefreie Internet-Seiten meist in engen Grenzen. Häufig hört er sich größer an als er tatsächlich ist.

In vollem Umfang gilt dies natürlich nur für neue Seiten. Bei bestehenden Seiten kann ein komplett behindertengerechter Umbau dagegen sehr aufwendig und entsprechend teuer werden. Doch wer hindert einen, hier nach Kompromissen zu suchen? Vielleicht lassen sich mit vertretbarem Aufwand wenigstens einige Schranken niederreißen.

Nutznießer eines barrierefreien Internets sind aber nicht nur behinderte Menschen, sondern ebenso Menschen an ungünstigen Arbeitsplatzen (ungünstig beleuchtete Arbeitsräume, am Laptop im Zug oder Flugzeug) oder mit unüblichen Ausgabegeräten (internetfähige Handys).

Barrierefreiheit gesetzlich vorgeschrieben.

Eigentlich sollte es eine Selbstverständlichkeit sein, doch erst 1996 wurde in Artikel 3 des Grundgesetztes ausdrücklich festgelegt: „Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.“ Da die praktischen Auswirkungen erschreckend gering blieben, folgten im Frühjahr 2002 das Behindertengleichstellungsgesetzes (BGG) und kurz darauf die Barrierefreie Informationstechnik-Verordnung zum Behinderten­gleichstellungs­gesetz.

Die Informationstechnik-Verordnung gilt zwar nur für Internet-Auftritte der Bundesbehörden, doch entsprechende Verordnungen auf Landesebene sind bereits in Arbeit. Auch Länder und Kommunen werden damit in Zukunft zu barrierefreien Internet-Angeboten verpflichtet sein. Keine gesetzlichen Verpflichtungen gibt es weiterhin für die privaten Anbieter.

Für die Bundesbehörden dagegen gilt:

Weltweite Bemühungen für barrierefreies Internet.

Natürlich sind die Bemühungen für ein barrierefreies Internet kein spezifisch deutsches Thema, sondern bewegen Betroffene wie Internet-Experten in aller Welt.

So hat sich auch das für Standardisierungen im Internet zuständige W3C-Konsortium Gedanken über ein barrierefreies Internet gemacht und detaillierte Zugänglichkeitsrichtlinien erarbeitet. Im Gegensatz zu vielen anderen Dokumenten, die nur in englisch vorliegen, existiert von ihnen auch eine deutsche Übersetzung.